Some Thoughts

17. Februar 2016 19:17

Lange habe ich hin und her überlegt, ob ich das hier schreiben soll. Ob es legitim von mir ist, oder vielleicht zu schnell vorgegriffen. Oder ob es hier vielleicht überhaupt keinen interessiert - aber genau so sollte es nicht sein. Worüber ich schreiben will, das ist der NSU-Prozess. Sicherlich nicht, was für Details und Probleme sich in diesem komplexen Sachverhalt aufgetan haben, sondern über die gesellschaftliche Auswirkung, die meines Erachtens nach doch irgendwie ausgeblieben ist.

Derzeit absolviere ich im Rahmen meines Studiums ein Praktikum am Amtsgericht auf dem Gebiet des Strafrechts und bin somit mehrmals in der Woche im Münchner Strafjustizzentrum. Manchmal verlaufe ich mich noch zwischen den Sitzungssälen und irgendwann stand ich am Ende eines Ganges vor einer riesigen Absperrung. Einige Polizisten und ein paar Schilder: "NSU-Prozess". An der Aushängetafel informierte ich mich über die Sitzungstage und beschloss, den Prozess in der darauf folgenden Woche zu besuchen. Bislang wusste ich auch nur das, was jeder aus der Medienberichterstattung weiß oder wissen sollte. 10 Morde, 2 Bombenanschläge und diverse Banküberfälle. Und dann fing ich an, so gründlich es ging zu recherchieren, damit ich als Zuschauerin trotzdem noch ein wenig Durchblick habe. In den vielen Stunden las, las, las ich viel und ich wusste irgendwie nicht, wohin mit meinen Gedanken. Ich konnte mich mit kaum jemandem über die Materie unterhalten, weil sich bis auf meinen Papa irgendwie keiner so recht dafür interessieren wollte. Aber ich meine, hier geht es doch um mehr, als nur um normale Straftaten oder? Mord kann mit der höchsten Strafe "lebenslang" geahndet werden; es ist das schwerwiegendste Verbrechen, welches der Gesetzgeber vorgesehen hat. Hier geht es um Terror. Um Rassismus. Um Verfassungsschutz. Um Rechtsstaatlichkeit.

Mit gemischten Gefühlen wachte ich heute um 7 Uhr morgens auf und eilte dann zum Gericht. Dort musste ich zu einem separaten Eingang für den Prozess und wurde gründlichst von den Sicherheitsbehörden kontrolliert. Oben bei den Zuschauerbänken angekommen, fragte ich mich, wieso eigentlich nicht alle Plätze von Presse und der Öffentlichkeit besetzt sind. Ein paar Rentner, ein (vermute ich) Rechtsradikaler und ganz wenige Kommilitonen. Wir haben Semesterferien. Wir studieren doch alle Jura, um mehr Recht in der Welt zu schaffen oder? Wo zum Teufel seid ihr alle? Irgendwie fand ich es schade, auch hinsichtlich meines persönlichen Umfelds. Aber wem will ich eigentlich einen Vorwurf machen? Nicht jeder interessiert sich für Recht und Politik. Trotzdem geht es hier doch um viel mehr, als nur um den größten Prozess seit Jahrzehnten. Sollten wir nicht mehr Solidarität den Opfern und ihren Familien gegenüber zeigen? Dass Fremdenhass und rechtsextremer (bzw. jeglicher) Terrorismus in Deutschland und auch sonst auf dieser Welt überhaupt nichts verloren haben? Dass wir auf ihrer Seite sind und die Verantwortlichen gefälligst dafür bestraft werden müssen?

Während des Prozesses starrte ich immer wieder die Angeklagten Zschäpe und Wohlleben an und habe mich immer wieder gefragt, wie man all das hat 10 Jahre lang passieren lassen können. Ich starrte weiter und bin einfach entsetzt, dass zwei der mutmaßlichen Täter sich das Leben genommen und sich jeglicher Verantwortung entzogen haben. Zschäpe lebt noch und weist jede Schuld von sich. Irgendwie sieht sie frech aus, finde ich. Glaube ich ihr? Nein, definitiv nicht. Ich meine, dass in der Bevölkerung schon ein Urteil gefällt wurde. Was die Rechtsprechung sagt, vermuten und wollen wir nur ahnen. Ich bin mir sicher, dass die Gerechtigkeit noch ihren richtigen Weg finden wird, dafür ist unser Rechtssystem und auch unsere Gesellschaft weit entwickelt, differenziert und sachlich genug. Ich weiß, ich bewege mich hier auf sehr empfindlichen Terrain, aber nichts desto trotz hat das nicht viel an meiner Enttäuschung über die geringe Anteilnahme an dem Prozess selbst, an der Auseinandersetzung damit geändert.

12 Kommentare

La Marisa 17. Februar 2016 um 19:25

Ich finde es toll, dass du auch Einträge über solche wichtigen Themen verfasst. Da ich mich selber auch nicht so unglaublich viel damit beschäftigt habe, war dies ein super interessanter Post für mich! :)Antworten

T. 17. Februar 2016 um 19:56

Finde ich gut, dass auf so einem Beauty/Fashionblog mal mehr als über die schönen Dinge des Lebens gesprochen wird. Kommt bestimmt nicht so gut an, wie der neueste Trend, aber wirkt viel persönlicher und interessanter. Gerade, wenn man nicht Jura studiert. Ein Staatsrechtskurs zum Schnuppern war mir genug.Antworten

Blue Berry 17. Februar 2016 um 23:40

Super Beitrag! Mal was anderes, was tiefgründiges, was bewegendes! Finde ich super. Jedoch muss ich dich leider desilluionieren. "zu weit entwickelt"? Na dann hasu wohl noch nicht die Gesetzeslage zum vermeintlichen Prostitutionsschutz gesehen. Oder den Vergewaltigungsparagraphen. Aber so was passiert natürlich nicht hier in Deutschland; nicht zu oft oder nicht wichtigen Personen, um der Bevölkerung tatsächlich bewusst zu machen, in was für einer aussichtslosen Lage man sich befünde, sollte man vergewaltigt oder in der Öffentlichkeit sexuell belästigt werden. Antworten

Vanessa Nguyen 18. Februar 2016 um 12:28

Ich sprach von einem weit genug entwickelten Rechtssystem und einer selbigen Gesellschaft hier in Deutschland. Da stimme ich dir natürlich umfassend zu, dass es Defizite gibt, die zu bewältigen sind, aber trotzdem glaube ich an eine kompetente Rechtsprechung (in vielen Fällen zumindest). :-)Antworten

Francis 18. Februar 2016 um 17:38

Ich finde es gut, dass auch solche ernsten Themen auf deinem Blog angesprochen werden.
Liebe Grüße:)Antworten

Marie 18. Februar 2016 um 18:55

Ich finde das super, dass du auch solche Themen aufgreifst. Gerade weil sie dich ja interessieren!Antworten

Anonym 18. Februar 2016 um 19:50

Ich freue mich sowieso immer, wenn du einen Post veröffentlichst, aber über diesen habe ich mich besonders gefreut!
Finde es super, dass du dich damit beschäftigst und hier mit uns teilst. Ich sehe das übrigens genau wie du; immer wieder bin ich entsetzt, wie wenig sich meine Freunde für Politik interessieren oder wenigstens mal Nachrichten schauen.
Viel Spaß in München!
Liebe Grüße :)Antworten

Anonym 20. Februar 2016 um 02:29

Ich finde es auch sehr toll, dass du dich dazu äusserst! Und ich möchte dich auffordern dies wieder zu tun, obwohl ich weiss, dass du der Ansicht bist, dass deine politische Meinung im Netz nichts verloren hat. Weshalb? Ich finde Blogger, Künstler, etc. bemerkenswert, die sich öffentlich positionieren, ihr erreicht so viele Menschen! Antworten

Anonym 22. Februar 2016 um 16:58

Ich finde es toll, dass du über so ein Thema schreibst. Und fände es schön wenn du dies in Zukunft öfter machen würdest. :)Antworten

Melanie 23. Februar 2016 um 12:29

Mein Fachreferat (ähnlich einer Seminararbeit, nur nicht ganz so umfangreich. Wird unter anderem in der 12. Klasse einer Berufsoberschule geschrieben und präsentiert) handelte von dem NSU-Prozess. Ich war ehrlich gesagt etwas schockiert, dass ich kaum etwas mitbekommen habe. Dass die Presse so wenig berichtet. Und das ist wohl auch das Problem. Jeden Tag sehen wir Schlagzeilen von ach so bösen Flüchtlingen die schon wieder sonst was angestellt haben. Und alle Leute schmeißen sich darauf, wie die Geier. Und das hier? So viel unrecht, so viel Grausamkeit. Das wird mal nebenbei berichtet. Wie du selber geschrieben hast, du musstest lesen. Viel lesen, selbst recherchieren um genug heraus zu finden. Das machen die wenigsten.
Ehrlich gesagt, habe auch ich nach meinem Fachreferat weniger damit auseinander gesetzt. Habe nur noch wenige Berichte gelesen. Aber das ändert sich nun. Wir sollten uns damit beschäftigen. Sollten offen zeigen, dass das kein Verhalten ist. Das wir das nicht tolerieren. Das solche Taten bestraft werden müssen!
Ich finde es auch keines Falls verwerflich oder schwierig darüber zu schreiben. Hier geht es um Menschenrecht. Menschenrecht, das verletzt wurde. In dieser Sache gibt es tatsächlich mal nur eine richtige Seite. Das ist zumindest meine Meinung.Antworten

Anonym 29. Februar 2016 um 00:22

DANKE ! Das sind genau die Worte und Gedanken, die man von einem Jura-Studenten/ einer Jura-Studentin hören möchte. Das gibt einem, finde ich, Hoffnung, einfach zu wissen, dass Leute wie du, die sich mit solchen Themen freiwillig (!) auseinandersetzen und Meinungen entwickeln, die sind, die später in solchen Situationen etwas zu sagen haben. Es ist schön zu sehen, dass es Leute die gibt, die bereit sind für eben die von dir angesprochenen Aspekte zu kämpfen. Schön zu wissen, das später auch junge Menschen wie du im Gerichtssaal stehen und nicht nur "Ich studier Jura damit ich später Kohle hab"-Fraktion ! :)Antworten

Vanessa Nguyen 1. März 2016 um 09:40

Vielen Dank, das deine Worte bedeuten mir sehr viel! Antworten

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