About A Year Ago

4. Juni 2015 22:53


Vor einem Jahr habe ich Abitur gemacht und ich hatte einen großen Plan. Raus aus der Stadt, in der ich groß geworden bin, ab in einen neuen Lebensabschnitt. Ich wusste, was ich wollte, was ich von den nächsten Monaten erwartete, aber ich hatte trotzdem nicht den geringsten Schimmer, wohin mich diese Reise führen würde. Ich wusste, dass dieser Tapetenwechsel nötig war und dass ich mich bald in einem Studium, von welchem ich seit meiner Kindheit träumte, entfalten und zeigen kann, dass ich es drauf habe. Zwei Dinge wusste ich allerdings nicht: Was ich erstens mit dieser ominösen Zeit nach dem Abitur anfangen sollte und wie das Ganze ein Jahr später aussehen würde.

Wisst ihr, ich bin glücklich. Ich bin richtig glücklich, besonders seitdem der deprimierende Winter endlich fort ist und die Sonne fast ununterbrochen scheint. Von Zuhause, von meinen Eltern und meiner Schwester, wegzuziehen war die beste Entscheidung meines bisherigen Lebens, aber auch eine, die ziemlich hart war und es immer noch ist. Ich schmeiße einen Haushalt mit meiner besten Freundin, schwänze keine Vorlesungen, gehe nebenbei arbeiten, trainieren, feiern - ich glaube, ich habe in diesem einen Jahr mein Leben ziemlich gut in den Griff bekommen, eine funktionierende Routine entwickelt. Aber trotzdem hasse ich es, dass meine Familie so verdammt weit weg von mir wohnt. Ich hasse dieses Gefühl, dass ein Teil von mir woanders ist. Meine älteren Freunde versprachen mir, dass man sich an dieses Gefühl gewöhnt - es wird wirklich besser, aber trotzdem ist es nach vielem Nachdenken an endlos tristen Tagen unerträglich. Ich bin ein riesiges Risiko eingegangen mit dieser Entscheidung. Nicht nur im Hinblick auf meine Familie, sondern auch auf all meine Freunde hier in der Stadt. Halten sie es aus, diese Freundschaften, die einem letztes Jahr in den Sommernächten noch so unzerbrechlich, mutig, ehrlich und erwachsen vorkamen? Denn junge Menschen distanzieren sich so schnell, verlieren sich aus den Augen und werden gegenseitig vergessen, als wären jene Sommernächte bedeutungslos.

Aber darauf muss man sich vernünftigerweise einstellen, schätze ich. Enttäuschungen vermeidet man, indem man sich auf das Schlimmste einstellt. Wir dürfen nicht nachtragend sein, müssen diese Umwälzungen hinnehmen - besonders ich, weil ich mich dazu entschieden habe, genau diesen Weg zu gehen. Niemals das Ziel aus den Augen verlieren! Weitergehen, du selbst bleiben und versuchen, die anderen an deinen Händen nicht zu verlieren, sondern festzuhalten. Mehr kann ich nicht tun, mehr muss ich auch nicht tun.

Vor einem Jahr wusste ich nicht, wohin die Reise weitergeht, aber heute weiß ich, dass ich gefühlte 833027 Kilometer gelaufen bin. Nicht zurück, sondern nach vorn. Glaubt ihr mir, dass ich Stunden gebraucht habe, bis ich das hier eintippen konnte? Ich tue mich so schwer damit - mit all diesen Nebensätzen, den vielen Adjektiven, ehrlich zu mir auf dem Papier oder virtuell zu sein. Nehmt es mir nicht übel, denn seit den letzten Wochen habe ich nur noch Klausuren, juristischen Gutachtenstil und Prüfungsangst im Kopf! Ich habe euch alle unendlich lieb und hoffe, dass ihr mich immer noch weiterhin auf meiner Reise zum Erwachsenwerden begleitet.

12 Kommentare

Jacqueline 5. Juni 2015 um 00:03

Sehr schön geschrieben, liebe Vani :-)Antworten

Eine treue Leserin 5. Juni 2015 um 02:47

Oh ich finde deinen Post irgendwie echt süß. Schon seit über 3 Jahren lese ich regelmäßig deinen Blog, habe aber, soweit ich mich erinnere, noch nie einen Kommentar hinterlassen. Jetzt wo ich 18 bin, vor wenigen Tagen meine Abitur Prüfungsergebnisse erhalten habe und mich natürlich frage, was die Zukunft für mich bereit hält, wollte ich dir eben doch mal schreiben. Ich weiß noch letztes Jahr als du in dieser ganzen Abiphase gesteckt hast und deine Gedanken, Ängste, Pläne und Wünsche mit uns geteilt hast. Da war ich noch froh, dass ich noch ein Jahr habe, aber ich kann jetzt so gut nachvollziehen, was dir letztes Jahr für Gedanken durch den Kopf gingen. Dass du jetzt nochmal darauf eingegangen bist und von deinen jetzigen Gedanken erzählst, ist auch noch mal sehr interessant für mich. Ich lese deinen Blog unglaublich gerne und eigentlich weiß ich gar nicht, was genau ich hier überhaupt sagen wollte, aber das musste irgendwie sein. Danke, dass du auch solche Dinge zum Inhalt deines Blogs machst, mach weiter so.
Viele liebe Grüße :)Antworten

MATRJOSCHKA 5. Juni 2015 um 05:06

Ein wunderbarer Text liebe Vanessa, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Ich habe gerade einfach keinen blassen Schimmer, was ich nach dem Abitur machen will, welches Studium, was dazwischen? Ich will auch nur eins und zwar ebenfalls den Tapetenwechsel, auch wegziehen. Dass es sich dabei um eine mutige Entscheidung handelt, das glaube ich gut und gerne. Auch ich mache mir vor Allem Sorgen um die Freundschaften und meine Mädls, wie es dann eben sein wird. Doch ich habe noch Zeit. Danke für die Gedankeninspiration!

Beste Grüße

http://mtrjschk.blogspot.de/Antworten

Vanessa 5. Juni 2015 um 09:14

Vielen, vielen Dank für deinen wunderschönen Kommentar! Ich hoffe, dass du deinen richtigen Weg jetzt nach dem Abitur gefunden hast und wünsche dir nur das Beste. <3Antworten

Vanessa 5. Juni 2015 um 09:15

Alles wird sich leichter ergeben, als man vorher noch befürchtet! :-)Antworten

Anonym 5. Juni 2015 um 12:53

Was für ein toller und ehrlicher Post liebe Vanessa :) ich habe dieses jahr mein Abitur gemacht und ziehe auch in einem Monat weg von zu Hause, nach Berlin aufgrund meiner Ausbildung. Dein Post hat mir Mut gemacht, dass ich es auch wenn es große Anfangschwierigkeiten geben wird alleine in einer großen Stadt meistern kann :) Ich wünsche dir auf deinem weiteren Lebensweg alles Gute und einen grandiosen Sommer!:)Antworten

MissK 5. Juni 2015 um 17:20

Ein schöner Post. Es tut wirklich gut einfach mal wegzugehen, auf eigenen Füßen zu stehen. Nicht mal eben Mama oder Papa nach Hilfe fragen zu können. Man entwickelt sich durch sowas so schnell weiter. Ich glaube das ist kaum möglich, wenn man immer gut behütet im Umkreis von Freunden und Familie bleibt. Antworten

Lisa Blonde 5. Juni 2015 um 21:34

Ein sehr sehr ehrlicher und persönlicher Post. Gern mehr davon. :)

Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und Durchhaltevermögen. Auf das es immer leichter wird. Ich bin dieses Jahr an einem ähnlichen Punkt. Letzte Woche habe ich meine letzte Abiturprüfung absolviert und jetzt beschäftigt mich nichts mehr als die Frage, wo ich meinem Studium nachgehen soll. Passau steht auch bei mir hoch im Kurs. Jedoch komme ich aus Ostthüringen, hätte dann also einen ähnlich weiten Weg zu meiner Familie und bin mir nicht sicher, ob ich dieser Belastung stand halte. Ich hoffe, dass ich für mich die richtige Entscheidung finden werde und in einem Jahr auch so glücklich auf die vergangenen 365 Tage zurück blicken kann.

Liebste Grüße,
Lisa von Ash BlondeAntworten

Paulina 6. Juni 2015 um 13:09

Liebe Vanessa, dieses Jahr habe ich mein Abitur gemacht und weiß auch schon, welches Studium für mich in Frage kommt. Gedanken mache ich mir viel eher um meine Beziehung, wir sind nun seit 2 1/2 Jahren zusammen, aber die Wahrscheinlichkeit an die gleiche Uni zu kommen ist einfach gering, auch in der Nähe zu sein erscheint nicht wirklich realistisch. Wie war de Umstellung bei dir und Donny? Momentan sehen wir uns (natürlich auch wegen der vielen freien Zeit) alle 2 Tage mindestens, öfter auch mal mehrere Tage am Stück, daher hab ich Angst vor der Veränderung. Vielleicht kannst du mir ja sagen, wie das bei euch am Anfang war und wie ihr damit zurecht gekommen seid und auch jetzt noch zurecht kommt, denn zurzeit kann ich mir eine Fernbeziehung gar nicht vorstellen, weil wir ja sowas gar nicht gewöhnt sind.

Liebe Grüße,
PaulinaAntworten

Franzi 6. Juni 2015 um 20:29

Wundervoll geschrieben, liebe Vanessa! Ich kann deine Gedanken so nachvollziehen, mir geht es im Moment ähnlich wie dir <3

Liebe Grüße von Franzi von Little ThingsAntworten

Lena 7. Juni 2015 um 16:55

Ein sehr schöner Beitrag, Van. :)
Ich lese deinen Blog eigentlich erst seit etwas über einem Jahr besonders gerne. Vielleicht auch gerade deshalb, weil wir in einer ähnlichen Lebensphase sind. Ich hab letztes Jahr "mit dir zusammen" mein Abitur gemacht, bin von zuhause ausgezogen und hab mein Studium begonnen. Hatte also mit ähnlichen Dingen zu tun wie du :)
Es freut mich wirklich, dass du nun richtig angekommen bist und dich eingelebt hast.
Meine Uni ist nicht so weit weg von zuhause, sodass ich am Wochenende eigentlich immer nach Hause fahren kann und bei meiner Familie bin. Das ist auf der einen Seite sehr schön, weil ich doch mehr Heimweh hatte als ich dachte, aber irgendwie ist es auch so ein komisches Leben "dazwischen". Man ist nicht richtig hier und nicht richtig da... In meiner Uni-Stadt bin ich nur unter der Woche und auch meistens nur zum Lernen und zuhause kriegt man halt auch nicht alles mit, wenn man nur zwei Tage da ist...Manchmal ist ein glatter Schnitt und etwas mehr Abstand von zuhause vielleicht sogar besser, damit man selbstständig wird und alleine klarkommt bzw sich richtig auf diesen neuen Lebensabschnitt einlassen kann, ich weiß es auch nicht...

Ich wünsche dir noch viel Erfolg bei deinen Klausuren, du schaffst das! Und bald sind ja Semesterferien :))Antworten

Julia Schröter 10. Juni 2015 um 20:46

wow! super gute Worte, habe Tränen in den Augen. es ist schön, deinen Weg zu verfolgen, besonders, weil ich auch vor einem Jahr das Abi gemacht habe und es ähnlich läuft. weiterhin viel Glück und Erfolg! man fühlt sich irgendwie verstanden und nicht mehr so alleine, wenn man solche Sachen liest. :)Antworten

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